Der Damenbliaut des 12. Jahrhunderts

Der Bliaut ist als die typische höfische Damenmode im 12. Jahrhundert anzusehen. Woher der Begriff stammt, ist nicht gänzlich geklärt. Lt. Ulrich Lehnard stammt die Bezeichnung für dieses Gewand von der Stoffart (ein golddurchwirktes Gewebe), aus der es ursprünglich hergestellt wurde.

Kennzeichnend für das Aussehen des Bliauts ist das Bestreben das Gewand der Form des weiblichen Körpers anzupassen und diesen somit hervorzuheben. Da komplizierte Kleiderschnitte erst im 14. Jahrhundert aufkamen, wurde dies durch eine Taillenschnürung erreicht. Um diesen Effekt zu verstärken, setzte man breite Geren ein, die dem Kleid mehr Weite am unteren Saum verliehen, und stattete das Gewand zusätzlich mit den typischen weiten Ärmeln aus. Darin zeigte sich die Abhebung der Mode des Adels von den einfachen Menschen und damit auch zum ersten Mal seit dem Frühmittelalter eine separate weibliche Modeströmung.

Frauendarstellung von einem der Osttürme von St. Mauritz in Münster (Dtl.) um 1070 Kathedrale von Chartres (Frkr.) – um 1145/50 Bronzetür von Nowgorod (in Magdeburg entstanden) – ca. 1152 Kathedrale von Angers (Frkr.) – Ende 12. Jhd.
Damendarstellungen mit weiten Ärmeln in Skulptur und Relief im 11. und 12. Jahrhundert


seitliche Schnürung
Kath. von Angers
12. Jhd.

Die seitliche Öffnung des Gewandes auf Taillenhöhe diente dem Zweck, diese mit einer Schnürung zu versehen. Obwohl nicht alle Quellen eine Schnürung zeigen, verbreitete sich dieser Trend anscheinend über ganz Europa. Es gibt bildliche Beläge aus Deutschland, Frankreich, Spanien etc. und wird auch in Texten genannt. So z.B. im Poème Moral (um 1200, unbekannter Autor), in welchem die gesundheitlichen Einschränkungen durch diese Mode kritisiert wurden.

Durch die seitliche Öffnung wurde das Untergewand sichtbar, was einen durchaus gewünschten erotischen Aspekt enthielt, wie aus dem Gedicht „Ipomedon“ des Hue de Rotelande (um 1170) zu erkennen ist. Durch die Schnürung lassen sich auch die besonders an französischen Skulpturen erkennbaren stilisierten, feinen Fältelungen im Taillenbereich erklären. Allerdings konnten diese nur erreicht werden, wenn der Bliaut aus einem dünnen Gewebe hergestellt wurde. Anzunehmen ist dafür insbesondere Seide oder dünne Wolle. Aufgrund dieser Tatsache ist es wahrscheinlich, dass es sich beim Bliaut um ein ungefüttertes Kleidungsstück handelte.

Personifizierung der Sieben Freien Künste als adlige Damen im Hortus Deliciarum – um 1180 (Nachzeichnung)
hier: Die Geometrie, Die Dialektik, Die Rhetorik und Die Musik

Ein weiteres typisches Merkmal zeigt sich in der Form der Ärmel, welche über den Oberarm bis zur Mitte des Unterarmes schmal verlaufen und sich dann zum Handgelenk hin sehr aufweiten. Abbildungen aus dem Hortus Deliciarum und Skulpturen an der Fassade der Kathedrale von Chartres zeigen, dass diese Hängeärmel durchaus bis Mitte des Unterschenkels oder gar bis auf den Boden reichen konnten. Da man bestrebt war, die Körperform herauszustellen, fand beim Bliaut höchstwahrscheinlich bereits die schräg angesetzte Armkugel Verwendung, was sich jedoch anhand von Abbildungen nicht eindeutig nachweisen lässt.

Darstellung der Ecclesia (Personifizierung der Kirche) aus einem Evangeliar aus dem Ende des 12. Jhd. Philologia auf dem Quedlinburger Knüpfteppich
um 1200
Philosophia aus
dem Münchner
Codex 2599
um 1200
Darstellung der Superbia (Hochmut) im Hortus Deliciarum um 1180
verschiedenste Arten der Gewandverzierung, bei der Superbia ist außerdem die seitliche Schnürung erkennbar

Ebenso wie die Herrencotte des 12. Jahrhunderts war auch der Bliaut der Dame oft reich mit gewebten und/oder gestickten Schmuckkanten oder kontrastierenden Stoffbesätzen versehen. Dieser textile Gewandschmuck lässt sich an Handgelenken, Oberarm (in Erhaltung frühmittelalterlicher Tradionen), dem Halsausschnitt und dem unterem Saum in unterschiedlichen Ausführungen beobachten. Auffallend hierbei ist, dass die Schmuckausstattung mit der Wende zum 13. Jahrhundert deutlich minimaler ausfällt als noch in der Mitte des 12. Jahrhunderts.

Detail der Brettchenborte auf blauem Wollstoff Detail der Leinenstickerei umgeben von schmaler Borte auf beige-orangem Leinen Detail der mit Perlen und Granatsteinen verzierten Rankenstickerei in Seidengarn auf gelber Seide als Kontrastkante zur grünen Seide des Kleides

  

Der Bliaut wird in der Literatur teilweise als kurze Modeerscheinung des 12. Jahrhunderts beschrieben, die mit der Wende zum 13. Jahr-
hundert ihren Abschluss fand. Einige um 1230 datierte Hildesheimer Bronzegussarbeiten zeigen jedoch auch Frauenfiguren in eben solchen Bliauts mit weiten Ärmeln (siehe Bilder links). Darunter auch das berühmte Hildesheimer Taufbecken (linkes Bild) und kleinere skulpturale Objekte, wie diese weibliche Leuchterfigur (rechtes Bild). Auch einige bildliche Quellen zeigen auch nach 1200 noch teilweise sehr weite Hängeärmel, wie hier im Psalter Landgraf Herrmanns von Thüringen um 1216 (siehe Bilder rechts). Somit ist anzunehmen, dass diese Modeströmung sich im deutschen Raum bis ins erste Drittel des 13. Jahrhunderts erstreckte, bevor sie von Cotte und Surcot abgelöst wurde.

Text: kf

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