Von den Tücken der Planung – Das Historienspiel

Zu Pfingsten zog es uns auf Einladung des Stadtmuseums Berlin wieder in das Museumsdorf Düppel, und neben dem obligatorischen Besucherprogramm wollten wir wieder einmal ein Historienspiel machen.

Mit Corona sind für uns einige große, gruppenübergreifende Veranstaltungen weggefallen und damit auch einig Schwerpunkte für Reenactment und Historienspiele. Dazu haben wir in den letzten Jahren auch mehrere neue Mitglieder gewonnen, die dieses rollenbezogene Spiel höfischer Sitten und Gebräuche noch gar nicht kannten. Das sollte sich in Düppel ändern.

Am Anfang stand also die Frage nach dem Was und Warum. Wir wollten mit 18 Erwachsenen und 7 Kindern anreisen und somit ein entsprechend großen Zeltlager stellen. Die Personalstärke reichte also für einen ritterlichen Haushalt aus, aber wie begründen wir das Zeltlager? Reist ein Adeliger mit kleinem Gefolge, wird er bei befreundeten Adeligen oder in Gasthäusern unterkommen, zur Not muss in einem Dorf eine Familie ihr Haus für die Nacht räumen. Für Belagerungen und Kreuzzüge wurden durchaus Zelte mitgeführt, aber dann dürften die Frauen und Kinder nicht dabei gewesen sein.

Somit haben wir uns für den Hoftag im März des Jahres 1227 entschieden, da die Reise nach Aachen die umfangreiche Reiseausstattung erklärt und uns ausreichend Gesprächsstoff fürs Bankett bietet. Zum Hoftag sollte Magarete von Babenberg als Schwiegertochter Kaiser Friedrichs II. zur Königin gekrönt werden. Für die Meißner Adeligen sicher eine gute Gelegenheit sich zu zeigen, denn Heinrich von Meißen, der spätere Markgraf Heinrich der Erlauchte, ist keine 10 Jahre alt und lebt auf der Wartburg unter Vormundschaft Landgraf Ludwigs, der sich die Eventualbelehnung der Markgrafschaft Meißen gesichert hat. Allerding hat Landgraf Ludwig das Kreuz genommen und wird im Juni mit dem Kreuzfahrerheer nach Italien aufbrechen. Tatsächlich stirbt er auch später im selben Jahr. Derweil droht der Papst Kaiser Friedrich II. mit Exkommunikation, wenn er sein Kreuzfahrergelübte von vor 12 Jahren nicht endlich einlöst. Bei solch unsicheren Machtverhältnissen sollte man sich sicherlich auf dem Hoftag sehen lassen, um sich in Erinnerung zu rufen.

Somit war der Grund der Reise gefunden und es ging um die Details der Darstellung und welche Aufgaben es einem mittelgroßen ritterlichen Haushaltauf Reisen gegeben haben wird. Wir sind weit weg von der Aufgabenteilung der Fürstenhäuser mit ihren formalen Hofämtern. Dennoch bildet die Aufgabenteilung eine Grundlage der Diskussion. Vielleicht gab es einen Haushofmeister, der sich in um die Verwaltung des Hofes und die Absprachen mit den hörigen Bauern gekümmert hat. Vielleicht ist ein erfahrener Waffenknecht für die Sicherheit des Hofes und die Ausbildung der jüngeren Waffenknechte beauftragt. Sicherlich gab es einen Koch oder eine Köchin mit zugeordneten Mägden.

Die Gruppenmitglieder hatten ihre Wünsche zur Rolle geäußert und so viel die Wahl auf die Reisegesellschaft des Burggrafen von Dohna, zugegeben kein Vasall der Wettiner, aber die Rolle gibt es bei uns in der Gruppe nun mal. Eine Herausforderung sind die 3-6 jährigen Kinder, die auch während des Rollenspiels ihre Bedürfnisse haben und die Eltern einbinden. Insoweit waren wir bei der Rollenverteilung kreativ. Die eigentliche Burggräfin wurde zur Kinderfrau des burggräflichen Nachwuchs und Adelheid (eigentlich von Landsberg) sprang als Burggräfin ein. Zusammen mit ihrem Sohn reiste der Burggraf also mit 3 Kindern, was die 3 Kleinsten auch hervorragend mitgespielt haben.

Dazu gesellten sich noch:

  • zwei ritterliche Gefolgsleute
  • ein Knappe
  • ein Waffenmeister als Verantwortlicher für vier Waffenknechte
  • eine Köchin als Verantwortliche für vier Mädge und einen Küchenknecht
  • die Kinderfrau und ein Kammerfrau

Damit unsere adelige Dame aber nicht völlig auf eine Gesprächspartnerin verzichten musste, beschlossen wir, dass Aba von Radeberg, deren Sohn als Knappe dem Burggrafen dient, sich der Reisegesellschaft anschließen wird.

umfangreiche Planung vom Setting über Zeltplan bis Tischordnung

Unser Besucherprogramm für die Gäste sollte sich möglichst logisch in das Rollenspiel einfügen, um für uns große Brüche zu vermeiden und dem Besucher einen Eindruck von den Hierarchien und dem Interagieren eines ritterlichen Haushalts zu geben. Es sollten also Waffenübungen, Modenschau und Tanz mit szenischem Spiel abwechseln.

Somit entstand folgender Plan:

  • Wir nehmen an, das unser Burggrafenpaar die Pfingsttage nicht im Zelt nächtigen wollte, sondern selbst in einem nahegelegenen fiktiven Kloster nächtigt. Somit konnten die frühen Besucher erleben, wie das Burggrafenpaar von einem Ritter mit militärischem Geleit abgeholt und ins Lager geleitet wird. Nach der obligatorischen Begrüßung durch den gesamten Haushalt, Handwaschung nach der Reise und dem Willkommenspokal, führte der verantwortliche Waffenknecht den Burggrafen durchs Lager und berichtete über Vorkommnisse, während die Dame die Küche inspizierte und mit der Köchin die Speisenreihenfolge für den Tag und die Bevorratung besprechen konnte.
  • Die lange Reise zum Hoftag nutze der Burggraf, um zweimal täglich Waffenübungen anzusetzen, die er entweder abnahm oder bei denen er sich selbst mit seinen Rittern beteiligte. Der Knappe war seinem Herrn beim An- und Ablegen der Kleidung behilflich, die (jüngeren) Knechte und Mägde waren für die Versorgung mit Wasser zum Trinken und später Waschen verantwortlich.
  • Die Ankunft Abas wurde natürlich wiederum mit einer kleinen Willkommensszermonie gewürdigt, und mit der Anwesenheit zweier Damen wurde aus der Modenschau ein Gespräch beider Damen, was sie wohl zum Tanz und zum Bankett tragen könnten. Sehr zum Leidwesen der Mägde haben sich die Damen fast den gesamten Inhalt der mitgeführten Kleidertruhen zeigen lassen, bis sie sich entschieden hatten und angekleidet waren. Ob das Ankleiden der Damen für die Mägte oder die Damen die größere Geduldsprobe war lassen wir offen … so ein Ankleiden will geübt sein. Der Burggraf lies sich ebenfalls von seinem Pagen ankleiden und war damit deutlich schneller fertig als die Damen.
  • Nur den Tanz selbst haben wir in alter Form gelassen und ein Tanzspiel gezeigt sowie einen Reigen zum Mitmachen getanzt. Allein das war bei 28° durchaus erwärmend.

Und sonst?

  • Für die Abende waren jeweils kleine Bankette angesetzt. Die Mägde haben die Tafeln hergerichtet und an der hohen Tafel sowie dem Tisch der beiden Ritter, des Knappen und des Vertrauten Waffenmeister wurden die Speisen in Schüsseln von den jungen Mägden und Pagen serviert, während sich das restliche Gesinde in der Küche selbst bediente.
  • Ein Page wurde am Pfingstmontag in einer kleiner Zeremonie zum Knappen ernannt.
  • Ein neuer Schild für den Burggrafen musste eiligst beschafft und mit dem Wappen bemalt werden, natürlich mit eigens produzierter Farbe aus Pigment und Ei.

Natürlich hat nicht alles gemäß Planung funktioniert. Das Gesinde hat die Zeichen ihrer Herrschaft schonmal ignoriert. Die Herrschaft wurde ertappt, selbstverständlich einiges selbst machen zu wollen.

Wirklich bereichert haben aber die vielen kleinen Begebenheiten das Spiel untereinander, weswegen Gesinde wie Herrschaft viel Spaß hatten.

  • Als der Waffenmeister den Burggrafen fragte, ob dieser mit den Kampfkünsten seiner Knechte zufrieden war, zog der Burggraf sein Schwert und forderte den Waffenmeister auf die Hände hoch zu nehmen. In Unzufriedenheit über die Übungseinheit? Nein, nur um den Waffenmeister mit dem Ort des Schwertes (also der Spitze) auf den Riss der Cotte unterm Arm aufmerksam zu machen.
  • Dass die Cotte einer unserer neuen Mitglieder noch nicht fertig war und diese im Unterkleid vor der Herrschaft erschien, wurde natürlich ebenfalls ins Spiel eingebaut. Nach einem Vortrag der Burggräfin über Sittsamkeit und die Ehre des Hauses wurden eiligst alle Truhen nach einem Kleid als Leihgabe durchsucht.

Einige Verhaltensweisen aus früheren Jahren mussten wir erstmal wieder Ablegen. Das respektvolle „Ihr“ war Anfang des 13. Jahrhunderts noch unüblich, aber „du“ und Herr oder Burggraf klang doch zu ungewohnt. Ganz selbstverständlich führte der Burggraf seine Dame an der Hand, bis uns auffiel, dass wir doch selbst beim Tanz berichten, dass diese Handhaltung in der Zeit noch gar nicht üblich war. So ergaben sich viele kleine Denkanstöße, dass eigene Speil zu reflektieren und nochmal in die Literaturrecherche einzusteigen, um beim nächsten Mal ein noch stimmigeres Bild zu erzeugen.

Von den Tücken der Küchenplanung und den Anekdoten aus der Küche wird die Köchin zu späterer Stunde berichten.

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