Material und Nahttechnik

Einen guten Überblick über Materialien, Konstruktion und Nähtechnik im Mittelalter bietet das Buch:

„Kleidung im Mitterlalter“ von Katrin Kania erschienen 2010 im Böhlau Verlag Köln Weimar Wien, ISBN 978-3-412-20482-2

Deswegen soll dieser Beitrag nur einen kurzen Überblick geben.

Material:

Als pflanzliche Fasern fanden Leinen, Hanf, Nessel (Brennnessel) und Baumwolle Verwendung. Wie stark die einzelnen Materialen Verwendung fanden, ist schwer nachzuvollziehen. Hanf wurde vorrangig in der Seilerei verwendet, allerdings sind auch Webereien in Paris um 1258 nachweisbar und Funde in Finnland. Echter Nesselstoff ist heute kaum zu bekommen, er soll mit feinstem Leinen vergleichbar gewesen sein. Baumwolle ist nur in wenigen Funden als Fäden nachweisbar. Der älteste Fund eines Baumwoll-Leinengemischs aus Schweden stammt z.B. aus dem 14.Jahrhundert.

Bei den tierischen Fasern ist natürlich Wolle an erster Stelle zu erwähnen. Aufgrund seiner temperaturregulierenden, wind- und wasserabweisenden Wirkung sowie einem gewissen Selbstreinigungseffekt eignet sich Wolle nicht nur für Winterkleidung. Haar (Pferd, Ziege, etc.) wurde sowohl als Füll- der Verpackungsmaterial verwendet, als auch für Büßerhemden verwendet. Nicht berücksichtige beim Ziegenhaar sind Kashmir und Mohair. Kashmir ist im 4.-6-Jhd. Im Iran nachweisbar, Mohair in Osebergfund (9.Jhd), damit können beide Stoffe für die hochmittelalterliche Darstellung vernachlässigt werden.

Die Verarbeitung von Seide verbreitete sich von Asien kommend bis nach Norditalien wo sie im 13. und 14. Jhd. eine Blüte erlebte.

Felle waren als wärmendes Futter in Kleidungsstücken beliebt, durch Färben wurden dabei auch teurere Pelze imitiert. Belegt sind Eichhörnchenfell (sibirischen Eichhörnchen) und Hermelin für den hohen Adel, demgegenüber kann das Fell von heimischen Tierarten aber auch in der einfachen Bevölkerung getragen werden. Für Fuchsfell, Lammfell, Kaninchenfell sind schriftliche Belege bzw. Funde vorhanden.

Leder ist als Material für Kleidung kaum nachweisbar. Eines dieser spärlichen Belege ist eine Aufzeichnung des franz. Hofes welches für 1352 zwei hirschlederne Unterhosen für den Fürsten von Orleans erwähnt

Die Wahl des Materials sollte sich am Verwendungszweck wie auch am gesellschaftlichen Stand der eigenen Darstellung orientieren.

Bindungsarten:

Beim Erwerb passender Materialien sollte die Bindungsart nicht außer Acht gelassen werden. Bis ins 11. Jahrhundert war die Tuchbindung (Wolle) bzw. Leinwandbindung (Leinen) die vorherrschende Webart. Dabei läuft der Schussfaden abwechselnd über und unter dem Kettfaden.

Körperbindung ist an den charakteristischen diagonalen verlaufenden Linien zu erkennen, da die Bindungspunkte Reihe für Reihe um einen Kettfaden versetzt werden. Stoffe in Körperbindung sind bei schrägem Fadenverlauf elastischer. Bis ins 11. Jahrhundert ist Körperbindung (2/1 oder 2/2) nur selten nachweisbar, während sie im 12. Und 13. Jahrhundert zur vorherrschenden Bindungsart wird. Variationen als Rauten- oder Diamantkörper entstehen durch den Wechsel der Versatz-Richtung. Auch Fischgratkörper sind nachweisbar.

Bei der Atlasbindung wird der Schussfaden unter min vier Kettfäden durchgeführt, bevor er über einen Kettfaden läuft, dies ergibt weich fallende Stoffe, welche erst ab dem 11. /12. Jahrhundert in Persien bekannt wurden.

Es gibt eine große Vielzahl an komplexen Bindungsarten die durch mehrere Schussfäden entstehen. Auf diese soll hier aber nicht weiter eingegangen werden.

Nähtechnik:

Entgegen der leider populären Meinung, dass im Mittelalter alles grob aussehen muss, zeigen Funde aus dem Hochmittelalter die Feinheit und Perfektion einer Handwerkskunst. Ein Blick auf verwendete Sticharten lohnt sich somit allemal.

Faden zum Nähen oder Sticken waren aufgrund der aufwändigen Herstellung wertvoll, er wurde sparsam eingesetzt und bei Stickereien sollte möglichst viel Faden sichtbar sein. Um die nötige Stabilität auch bei einem sehr feinen Faden zu erreichen wurden die Fasern stark verdrillt und meist gezwirnt. Leinen, Wolle und Seide sind nachweisbar.

Als konstruktive Nähte ohne Rückwärtsbewegung sind Vorstich und Punktstich (sehr kleiner Vorstich) nachweisbar, mit Rückwärtsbewegung zusätzlich Steppstich und Hinterstich.

Zum Versäumen kommen Überwendlichstich und Schlingstich in Frage. Oder die Nahtzugabe umgeklappt und direkt mittels Saumstich fixiert, dabei kann die Nahtzugabe zusätzlich untergeschlagen werden. Weitere Möglichkeiten sind Rollsaum, wobei der Stoff eingerollt und mit Überwendlichstich gesichert wird, oder Besatzstreifen.

Zur besseren Erklärung hier ein paar Skizzen der Grundstiche.

 

Je nach Verwendungszweck wurden unterschiedliche Nahtarten verwendet. Beim Blindstich werden die Außenseiten des Stoffs aufeinandergelegt und vernäht. Die überstehende Nahtzugabe muss zusätzlich versäubert werden und die Naht ist von außen als Vertiefung sichtbar.

Als flache Nahtvarianten sind Überwendlichnaht oder Elisabethnaht belegt. Es entstehen durch diese Nähte kein Weitenverlust und ein zusätzliches versäumen ist nicht nötig.

Einfache oder Doppelte Kappnähte tragen zwar deutlich auf, sind aber besonders stabil und bedürfen keiner weiteren Versäumung.

Zur Erklärung ein paar Skizzen der genannten Konstruktionsnähte:

oben Blindnaht, unten Überwendlichnaht
Elisabethnaht
einfache Kappnaht
doppelte Kappnaht